Die Flachsröste: Nervenkitzel und Wissenschaft

Noch ist es etwas hin bis zur Flachsröste, dem wahrscheinlich schwierigsten Arbeitsschritt der Flachsverarbeitung. Die Gefahr, die aufwendig angebauten Flachsstängel zu überrösten und damit die Fasern zu zerstören, führt zu ungewolltem Nervenkitzel – und das nicht nur bei uns Hobby-Anbauer:innen, sondern auch bei den echten Profis, die seit Generationen Flachs anbauen und rösten. Vor kurzem hatten wir dazu einen spannenden Austausch in unserer Flax and Linen Community Europe.

In diesem Blogartikel habe ich versucht, alle wichtigen Informationen aus dem Austausch zusammenzufassen, inklusive Literaturtipps für all diejenigen, die tiefer in das Thema eintauchen wollen.

Achtung: Viel Text! Die Bilder verbergen sich meist hinter den eingefügten Links. Ein schöner Einstieg ist die Präsentation über Flachsrösten in Belgien, die uns Ariane vom Textilmuseum Kortrijk zur Verfügung gestellt hat – mit vielen historischen Fotos.

Tauröste 2025 in Dresden.

Tau- versus Wasserröste

Es gibt verschiedene Arten von Röste. Die wichtigsten zwei sind die Tauröste (man legt die Flachsstängel auf der Wiese aus) und die Wasserröste (man legt die Flachsstängel in einen Bottich mit Wasser). Diese zwei Varianten haben wir auch als Anleitungen für unsere Teilnehmer:innen aufbereitet (im Communitybereich zu finden).

Historisch gab es für die Wasserröste verschiedene Möglichkeiten, nämlich die Röste in Flüssen und Teichen (Hier ein informatives Video aus dem Rheinland) bzw. in speziellen Röthekuhlen. Diese Varianten sind spätestens seit den 1940er Jahren verboten, weil sie die Gewässer sehr belasten. Eine weitere Variante, die Röste in einem Tank mit warmem Wasser, wurde 2021 wegen der hohen Energiekosten in Belgien aufgegeben.

Aus diesem Grund wird mittlerweile fast ausschließlich die Tauröste umgesetzt.

Daneben gibt es z.B. auch die enzymatische Röste, an der seit etwa 1900 geforscht wird. Diese Methode hat sich jedoch bisher noch nicht durchgesetzt. Dabei wird der Flachs mit biotechnologisch gewonnenen Enzymen behandelt (siehe auch weiter unten, Pectinase usw.) und die Röste unter kontrollierten Bedingungen im großen Maßstab durchgeführt.

 

Wer röstet denn da? Die Mikrobiologie hinter dem Prozess

Bei der Tauröste sind vor allem Pilze, bei der Wasserröste Bakterien am Start. Die Pilze produzieren Pectinase sowie Cellulase und Hemicellulase – Enzyme, die auch die Zellulosefaser selbst angreifen. Es gibt Pilze, die in Laborversuchen mehr faserschädliche Enzyme produziert haben als andere. Bei der Wasserröste geben Bakterien Pectinase ab, die sehr gezielt die Kleberverbindungen zwischen Faser und Holz angreift. Die Zellulosefaser wird weniger angegriffen, die Fasern sind feiner und stabiler. Wer tiefer in diese Thematik eintauchen will, findet diese Informationen in folgendem Buch, das uns Helen Keys von Mallon Linen empfohlen hat: SHARMA, H.S.S. and VAN SUMERE, C.F. (1992). The Biology and Processing of Flax. M. Publications, Belfast, 576 pp.

Pilze und Bakterien sind auch der Grund dafür, dass gerösteter Flachs kein sauberes Arbeitsmaterial ist, was man ja schon durch den Geruch bei der Röste vermuten könnte. Bei unserem Besuch im LWL-Freilichtmuseum Detmold haben uns die beiden Textilhandwerkerinnen berichtet, dass bei einer Gefahrenanalyse ihres Arbeitsplatzes der geröstete Flachs aufgefallen ist. Deshalb gilt auch, den Flachs niemals mit Spucke zu spinnen und die Finger beim Spinnen nicht in den Mund zu stecken. Flachs ist erst “sicher”, wenn er nach dem Spinnen abgekocht wurde.* Zum Thema “Spinnerinnenkrebs” bin ich nicht tiefer eingestiegen, aber das Inhaltsverzeichnis dieses Buches klingt schon sehr eindeutig.

*Zum Auskochen empfiehlt Christiane Seufferlein von Bertas Flachs 50% des Trockengewichts des Garns in Form von Seifenflocken und 3% Waschsoda in heißem Wasser gründlich aufzulösen. Das in Strängen gewickelte Garn darin 40 Minuten simmern lassen, dann direkt nach dem Auskochen spülen (nicht im Bad erkalten lassen) und den Vorgang je nach Verschmutzung wiederholen. Dieses Wasser sieht aus wie Kaffee, eine ziemlich dreckige Brühe. Die Stränge nach dem Spülen ausdrücken, ggf. ausschleudern, zwischen den Händen nochmal strecken und zum Trocknen aufhängen.

 

Was ist besser: Wasser- oder Tauröste?

Ob die Wasser- oder die Tauröste besser ist, kommt sehr auf die Perspektive an. Christiane Seufferlein, die viel Recherche zu historischen Röstverfahren betrieben hat, gab zu Bedenken, dass vor allem weißes Leinen als besonders hochwertig angesehen wurde. Die Wasserröste ergibt eher gelbe Fasern, während die Tauröste eher graue Fasern produziert. Die Bleiche von gelb zu weiß war einfacher als von grau zu weiß, deshalb wurde diese Methode favorisiert. Allerdings geht die Wasserröste deutlich schneller, vor allem, wenn das Wasser warm ist. Die Bakterien sind dann sehr aktiv, die Gefahr zu überrösten (d.h. die Bakterien greifen die Fasern an und beschädigen diese) ist höher, als bei der langsameren Tauröste. Mehr zur Bleiche findest du bei Bertas Flachs, inklusive zwei spannender Videos.

 

Wasser-Röste mit Regenwasser bei Mallon Linen

Wasserröste in großem Maßstab belastet die Gewässer stark und ist daher verboten (s.o.). Im kleinen Maßstab und verantwortungsvoll durchgeführt kann sie hingegen eine gute Möglichkeit sein, Flachs zu rösten.

Hellen Keys von Mallon Linen in Nordirland röstet ihren Flachs in einem alten Tank aus einer Käserei, der in seinem zweiten Leben für die Fischzucht genutzt wurde. Sie und ihr Mann rösten ein bis zwei Tanks pro Jahr, das Regenwasser dafür sammeln sie zwischen den Röstvorgängen. Etwa eine halbe Tonne Flachsbündel stapeln sie eng gepackt und mit den Wurzeln nach oben in den Tank. Dort bleiben sie für 11 Nächte im Wasser, beschwert von einem Metallblech und Betonblöcken. Auf ihrer Website kannst du dir Fotos davon anschauen. Besonders wichtig ist den beiden, dass sie anschließend verantwortungsvoll mit dem Wasser aus dem Tank umgehen, das sehr nährstoffreich ist. In Irland, das einmal Zentrum der europäischen Leinenindustrie war, kann man einen direkten Zusammenhang zwischen dem Wachstum der Leinenindustrie und dem Niedergang der Wasserqualität feststellen. Mallon Linen arbeitet daher mit einer Institution zusammen, die regelmäßig Proben nimmt. Das Wasser wird als Dünger auf die Felder ausgebracht, mit großem Abstand zu allen Gewässern. Auch hierzu kannst du mehr auf der Website lesen.

 

Stängel Trocknen – vor oder nach dem Rösten?

Trocknen vor dem Rösten

Die meisten von uns trocknen den Flachs vor dem Rösten (so haben wir es auch in unserer Anleitung geschrieben) – vor allem, damit die Samenkörner in den Kapseln nachreifen können. In der industriellen Verarbeitung wird der Flachs aber direkt nach dem Raufen/Ziehen zur Tauröste ausgelegt – es ist also nicht notwendig und ein weiterer Arbeitsschritt, den man sich sparen kann, wenn man die Samenkörner nicht ernten möchte.

Trocknen nach der Röste

Nach der Röste muss der Flachs wieder trocknen. Wie wir im Detmold erfahren haben, gab es dafür spezielle Öfen. Nach der Wasserröste sollte man die Bündel auf jeden Fall erstmal aufrecht (als sog. Kapelle oder Puppe) aufstellen, damit das Wasser ablaufen/tropfen kann. Danach kann man die Bündel öffnen und den Flachs ausbreiten. (Fotos davon auch bei Mallon Linen). Wenn das Wetter gut ist, trocknet der Flachs. Wenn es aber regnet oder feucht ist, röstet er einfach weiter, das sollte man unbedingt im Blick haben. Dann ist es möglicherweise besser, ihn auf einem Scheunenboden oder zumindest überdacht zu trocknen. Im letzten Jahr haben viele aus unserer Community dafür verschiedene Wäscheständer zweckentfremdet.

 

Unter- oder Überröstet: Wie finde ich das raus?

Weil das so eine Sache ist mit dem Flachs und der Röste ist, gibt es viele verschiedene Tricks, um zu testen, wann der Flachs fertig geröstet ist. Grundsätzlich ist es auch im industriellen Kontext noch so, dass vor allem mit den Händen und den Augen geprüft wird, wie uns Willemien Ippel von The Linen Project in den Niederlanden von ihrer Zusammenarbeit mit Van de Bilt berichtete.

Ein Tipp, den wir letztes Jahr im Museumsdorf Volksdorf bekommen haben, ist das Testbündel: Man legt ein mit einem farbigen Band markiertes Flachsbündel einen Tag eher in das Wasser oder auf die Wiese. Aus diesem Bündel entnimmt man regelmäßig einen Stängel, trocknet ihn, und prüft, wie gut sich die Fasern vom Holz lösen. Damit ist man immer 24h vor dem übrigen Flachs.

Zum Prüfen, ob sich die Fasern vom Holz lösen, muss man den oder die Teststängel trocknen. Helen zieht dafür einen Stängel aus der Mitte des Behälters heraus und biegt diesen nach dem Trocknen um. Wenn sich ein 5 cm langer Streifen ablöst, ohne dass man daran ziehen muss, ist der Flachs fertig. Das ist in etwa der Test, den Van Sunmere (1992, siehe oben) empfiehlt: Breche den Stängel am Ende mit der Wurzel. Die Faser sollte sich durch leichtes Ziehen vom Kern lösen.

Interessant klingt auch der Test mit heißem Wasser, den Albert Dujardin empfiehlt: Drei Stücke gerösteten Stängel, jeweils 5cm lang, in ein Reagenzglas geben und 8ml kochendes Wasser darüberschütten. Dann das Reagenzglas verschließen und kräftig schütteln. Wenn der Flachs gut geröstet ist, lösen sich die Fasern vom Stängel. (Albert Dujardin, The retting of flax, 1948) Wer diese Methode austestet, kann uns gerne mal eine Rückmeldung geben.

Erfahrene Rösterinnen erkennen auch am Geruch, ob eine Röste beendet ist – dafür braucht es aber vermutlich auch sehr viel Erfahrung.

 

Gut zu wissen: Nachrösten ist immer möglich

In Belgien werden noch etwa 70.000 Hektar Flachs angebaut und verarbeitet. Deshalb hat unsere Kollegin Ariane Heystraeten, die 1m² Vlas in Belgien koordiniert und am Flachs- und Textilmuseum in Kortrijk arbeitet, sowohl einen Blick auf die historische Flachsverarbeitung, als auch Einblick in den modernen Anbau. Ihre wichtigste Botschaft zuerst: Flachs zu überrösten oder zu wenig zu rösten (und nochmal nachrösten zu müssen) passiert auch den Profis, weil der Vorgang von so vielen Parametern (Wasserqualität, Wetter, Temperatur, Ort usw.) abhängig ist und nicht standardisiert und kontrolliert werden kann.

Aber die gute Nachricht ist: Flachs, der zu wenig geröstet wurde, kann nochmal nachgeröstet werden. Dabei kann auch zwischen den Varianten Wasser- und Tauröste gewechselt werden, wie uns Hellen Keys von Mallon Linen in Irland berichtete. Auch Zoe Gilbertson von Totnes grows flax, die eine große “Communityröste” in einem alten Kinderswimmingpool organisiert hatte, hat den Flachs anschließend erfolgreich auf der Wiese nachgeröstet. Das doppelte Rösten von Flachs war früher sogar eine Technik, um besonders feine Fasern zu erhalten. Wer also eher vorsichtig als mutig ist, kann schrittweise nachbessern.

 

Flachsrösten als Wettbewerb in Schweden

In Schweden hat man aus dem Rösten von Flachs schon vor vielen Jahren einen Wettbewerb gemacht. Die Vereinigung Fransåker lässt in jedem Jahr 5-8 Teilnehmer:innen die gleiche Menge Flachs (vom selben Feld) rösten. Sie führen ein Tagebuch über die Röste – Temperatur, Wetter, Dauer usw. Die gerösteten Stängel werden anonymisiert von einer Jury bewertet. Leider ist dieser Wettbewerb eher analoger Art, d.h. die Ergebnisse sind nicht digitalisiert und daher momentan auch nicht auswertbar.

 

Und was lernen wir daraus?

Die Flachsröste ist sehr komplex. Die Wahrscheinlichkeit, nicht exakt den richtigen Punkt zu finden, an dem man die Röste beendet, ist sehr hoch. Von daher ist es völlig normal, wenn dein Flachs nicht optimal geröstet ist, du nochmal nachrösten musst oder einfach mehr Aufwand beim Brechen und Schwingen hast. Bei den Flachsfesten im Herbst hast du die Möglichkeit, mit anderen Teilnehmer:innen in den Austausch zu kommen. Nimm die Gelegenheit wahr, den gerösteten Flachs der anderen anzufassen, eine kleine Probe zu machen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie unterschiedlich gut sich Fasern vom Holz trennen lassen.

 

Weiterlesen

Wer Lust auf noch mehr Videos hat, auf YouTube findet man mit dem englischen Begriff “flax retting” noch eine ganze Reihe Videos. Christiane Seufferlein von Bertas Flachs hat zwei Bücher mit Historischen Quellen herausgegeben, u.a. auch mit Texten zur Flachsröste. Du kannst sie im Shop von Bertas Flachs sehen. Die gedruckte Ausgabe kann auch unabhängig von einer Mitgliedschaft bei Christiane per e-Mail bestellt werden.

Wenn du Ergänzungen zum Rösten hast, schick uns gerne eine Nachricht.

Text: Mona Knorr mit Kathrin Toepffer.