Von Streichbraken, Bokhammern und Ribbeeisen

Bericht vom vierten Treffen für Kooperationspartner:innen

Um die Vernetzung unter unseren Kooperationspartner:innen zu fördern und die Menschen und Orte kennenzulernen, die sich für 1qm Lein und das Thema Flachs engagieren, organisieren wir zweimal im Jahr ein Netzwerktreffen. Am 7. und 8. Mai war es wieder soweit: Dieses Mal haben wir uns in Bad Nenndorf und im LWL-Freilichtmuseum Detmold getroffen, mit einem kleinen Ausflug zur Leinenfabrik in Steinhude. Zwei Tage Austausch liegen hinter uns, in denen wir einige neue Dinge gelernt haben, die wir in diesem Beitrag mit dir teilen möchten. An vier Stellen haben wir kurze Videos auf Vimeo verlinkt, die wir beim Treffen gedreht haben.

Start des Treffens in Bad Nenndorf. Wetterbedingt nicht in den Bürgergärten, sondern in einer Scheune.

Streichbraken in Bad Nenndorf

Nach Bad Nenndorf hatte uns beim letzten Treffen der Förderverein der Landesgartenschau eingeladen. Das engagierte Team rund um die Vorständinnen Monka Ahrendt und Marion Kramer hat bereits im letzten Jahr Flachs in den Bürgergärten angebaut und dieses Jahr eine Fläche von hundert Quadratmetern auf der Landesgartenschau angelegt. Monka Ahrend, deren Eltern in den 1970er und 80er Jahren das Flachshandwerk in der Region vorgeführt haben, hat eine kleine Sammlung alter Geräte, mit denen sie seit einigen Jahren auch regelmäßig Vorführungen in der Leinenfabrik Steinhude macht.

Bei unserem letzten Treffen hatte sie uns von den sog. Streichbraken berichtet: Diese sehen aus wie normale Lattenbrechen, haben aber stumpfe Metallteile eingelegt, so dass man den Flachs eher durch die Brake zieht, um die Schäben nach dem Brechen abzustreifen. Das kann, muss aber keine Alternative zum Schwingbock sein (man kann auch erst Schwingen um die Fasern zu ordnen und dann durch die Streichbrake ziehen). Was beim letzten Treffen mangels Streichbrake nur Theorie blieb, konnten wir Donnerstagvormittag dann praktisch ausprobieren. Leider hatten wir kein ideales Wetter: Es war kalt und nass und auch in der schön hergerichteten Scheune ließ sich der Flachs nur schwer bearbeiten. Trotzdem haben wir ein kleines Video für euch gedreht (hier gehts zum Video auf Vimeo). Bisher sind uns Streichbraken nur aus dem Schaumburger Land bekannt, aber wir waren alle ziemlich begeistert davon, wie sie die Schäben vom Flachs entfernen.

In dem sehr lesenswerten Artikel “Flachsbrechen in Westfalen. Eine gerätekundliche Studie” von Kurt Dröger (erschienen in den Beiträgen zur Volkskunde und Hausforschung Band 6, Detmold 1994, S. 7-132), auf den wir am Freitag im Museum in Detmold aufmerksam wurden, werden Brechen mit eingelegten Eisenschienen als “Feinbrechen” oder “Weichbrechen” bezeichnet, eine Breche ohne Metallschienen als “Rohbreche”.

Monka Ahrendt bei der Demonstration der Streichbraken.

Austausch zu den regionaltypischen Leinendecken und Flachsgeräten beim Mittagessen

Besuch in der Leinenfabrik Steinhude

Nach einer Stärkung begann unser Nachmittag in der ca. 20 Autominuten von Bad Nenndorf entfernten Leinenfabrik in Steinhude mit einer Führung durch Adrian Seegers, der die Fabrik bereits in 9. Generation leitet. In der ältesten Leinenweberei Deutschlands, 1765 gegründet, werden mit historischen Jaquardwebstühlen allerlei Leinenprodukte hergestellt. Adrian erklärte uns im Maschinenraum die Funktionsweise der Webstühle, die trotz maschineller Funktionsweise erstaunlich viel Handarbeit erfordern. In einem weiteren Lagerraum sahen wir anschließend die Basis für die Webmuster: Lochkarten, die die Jaquard-Maschine abtastet, um je einen Kettfaden zu senken oder zu heben. Ein Raum voller Papier, der Geschichte atmet (das bisher älteste Muster ist von 1835) und uns stark beeindruckt hat! Als letztes besuchen wir die Konfektion, in der der Stoff fadengerade zu Küchentuch bis Bettwäsche vernäht wird, damit sich auch nach dem Waschen nichts verziehen kann.

Gruppenfoto mit Adrian Seegers (stehend im schwarzen Hemd). Foto: H. Harms

Impressionen von der Führung: Webstühle, Lochkartenraum, Konfektion.

Textilhandwerk im Freilichtmuseum Detmold

Tag zwei startete im LWL-Freilichtmuseum Detmold, wo wir von den Textilhandwerkerinnen des Museums, Ulrike Loth und Sigrid Neumann, durch das Museum geführt wurden. Das Museum zeigt 500 Jahre Alltagskultur in Westfalen und das auf beeindruckenden 90 Hektar Fläche. Und so begann unser Tag auch erstmal mit einem Spaziergang in das Paderborner Dorf, in dem sich die Textilwerkstatt befindet – ein kleines Paradies für Textilbegeisterte.

60 Stunden für ein Küchenhandtuch

Im Museum wird seit vielen Jahren die Flachssorte “Arminius” angebaut, das Thema “Vom Flachs zum Leinen” gehört seit Beginn zum Vermittlungsprogramm. Wir konnten die Flachsfasern aus verschiedenen Jahren anschauen und den gewebten Handtuchstoff an der Wand bewundern. 60 Stunden Arbeit (von der Aussaat bis zum fertig gewebten Stoff) stecken in einem komplett im Museum produzierten Küchenhandtuch, das haben die Textilhandwerkerinnen im Rahmen eines Projektes ausgerechnet.

Handgewebter Handtuchstoff. Der Flachs für den Stoff wurde im Museum angebaut, verarbeitet, versponnen, gefärbt und gewebt. Etwa 60 Stunden Arbeit stecken in einem Küchenhandtuch.

Standortmüdigkeit von Flachs

Beim letzten Treffen im Museumsdorf Volksdorf hatten wir von der sog Standortmüdigkeit von Flachs erfahren (das ist etwas anderes als die Eigenunverträglichkeit, wegen der man den Flachs jedes Jahr auf einer anderen Fläche anbauen sollte). Sie tritt auf, wenn Flachs länger als 3 Jahre auf dem gleichen Boden angebaut wird. In Detmold konnten wir dafür einen eindrücklichen Beweis anschauen: Da “Arminius” schon viele Jahre im Museum angebaut und immer eigenes Saatgut gewonnen wird, bleiben die Pflanzen bedeutend kleiner als beim Erstanbau mit dem gleichen Saatgut auf einer Fläche außerhalb des Museums (s. Foto). Weil uns dieses Thema ab der nächsten Saison auch betrifft, überlegen wir, einen Saatguttausch unter unseren Teilnehmer:innen zu ermöglichen.

Links: Flachsfasern aus den letzten Jahren. Rechts: Sichtbare Standortmüdigkeit – Arminius im Museum und außerhalb angebaut.

Boken und Ribben

Zwei Besonderheiten der Flachsverarbeitung konnten wir in Detmold ausprobieren: Das Boken des Flachses mit dem Hammer und das Ribben mit einem Ribbeeisen und einem Ribbeleder.

Mit dem Bokhammer wird der Flachs vor dem Brechen weich geklopft. Das ist eine ziemlich anstrengende Angelegenheit, weil der Bokhammer recht schwer ist (hier gehts zum Video). Wahrscheinlich deshalb hat man wasserbetriebene Bokmühlen entwickelt, von denen auch eine am Museumseingang zu besichtigen ist. Schwere Holzbalken, die sich heben und senken, ermöglichten es, den Flachs im Akkord zu boken. Eine gleichwohl gefährliche und anstrengende Arbeit, zu der das gesamte Gesinde zusammenkommen musste.

Das Ribben erfolgt mit eine Ribbeeisen (einer stumpfen Metallkante) auf einer Lederschürze, ähnlich dem Streichen mit der Streichbrake. Es entfernt die Schäben von den Fasern (zum kurzen Video).

Diskutiert haben wir auch über die Haltung des Schwingmessers beim Schwingen: Ulrike hat die Erfahrung gemacht, dass man weniger Schwingwerg produziert, wenn man das Schwingmesser nur mit einem sehr kleinen Winkel zum Schwingbock bewegt (hier ein Video) und nicht, wie zumindest ich (Mona) es bisher gemacht habe – in einem größeren Winkel.

Auf dem Weg von der Textilwerkstatt zur Bokemühle konnten wir noch den Flachsofen anschauen, in dem der Flachs nach der Röste getrocknet wurde, um den Röstvorgang möglichst schnell abzubrechen. Im Museum gibt es außerdem noch Röthekuhlen für die Wasserröste, die wir aber nicht angesehen haben.

Links: Boken des Flachses mit dem Bokhammer (das Leinentuch liegt nur darunter, weil der Holzblock nass war). Rechts: Haltung des Schwingmessers beim Schwingen.

Ribben mit dem selbstgebauten Ribbeeisen.

Gruppenfoto vor derm Historischen Laden gegenüber der Textilwerkstatt: Karen Stuke / LWL-Freilichtmuseum Detmold. Rechts: Flachsofen

Bücher und Lesetipps

Während des gesamten Treffens wurden immer wieder Bücher gezeigt und Literaturtipps getauscht. Die Bibliothekarin des Freilichtmuseums Detmold hat uns außerdem eine umfangreiche Liste mit Literatur aus der museumseigenen Bibliothek zusammengestellt. Diese Informationen fassen wir jetzt zu einem gesonderten Blogbeitrag zusammen und teilen sie in Kürze mit euch.

Danke

Herzlichen Dank an Monka, Randy, Marion und Hendrik für die Einladung und die großartige Organisation des Treffens in Bad Nenndorf, an Adrian Seegers für die spannende Führung in der Leinenfabrik und an Ulrike, Sigrid und das Museumsteam in Detmold für die Einblicke in eure Arbeit und den schönen Tag im Museum. Danke an alle Teilnehmenden für euer Kommen, eure Begeisterung und den unkomplizierten Austausch.

Unser nächstes Kooperationspartner:innentreffen findet am 5. und 6. November im Hennebergischen Museum Kloster Veßra in Thüringen statt – herzlichen Dank an das Team für die Einladung.

Text+Fotos: Mona Knorr, Berenice Möller

Gruppenfoto im historischen Fotoatelier des Museums. Foto: Karen Stuke / LWL-Freilichtmuseum Detmold.