Tipps für Anbau, Röste und ein wichtiges Ausstellungsthema:
Das war unser drittes Treffen für Kooperationspartner:innen
Um die Vernetzung unter unseren Kooperationspartner:innen zu fördern und die Menschen und Orte kennenzulernen, die sich für 1qm Lein und das Thema Flachs engagieren, organisieren wir zweimal im Jahr ein Netzwerktreffen. Dieses Mal waren wir dafür im Rundlingsmuseum Wendland in Lübeln und im Museumsdorf Volksdorf in Hamburg. Zwei tolle Tage voller Austausch und Flachsbegeisterung – und mit vielen neuen Erkenntnissen.
Sie möchten mit ihrem Museum, Verein oder Organisation Kooperationspartner:in für 1qm Lein werden? In den FAQ finden Sie alle Infos dazu. Melden Sie sich gerne bei uns.
Fühlstation in der Leinenausstellung des Rundlingsmuseums. Foto: Mona Knorr
Unser Start im Rundlingsmuseum Wendland
Schon bei unserer Ankunft war klar: Das Rundlingsmuseum ist ein besonderer Ort. Vom Überlandbus an der Landstraße noch nicht erkennbar, offenbarte sich nach einem kurzen Spaziergang hinter einem kleinen Wald eine sehr ungewohnte Dorfform. Rundlinge sind Siedlungen aus dem 12. Jahrhundert, in denen die Häuser im Kreis um eine Dorfmitte angeordnet sind (Fotos von Rundlingsdörfern kannst du dir auf rundling.de ansehen) – Gärten und Viehweiden sind hinter den Häusern verortet, die auf tortenförmigen Grundstücken stehen.
Das Rundlingsmuseum ist auf einer originalen Hofstelle im Rundling Lübeln untergebracht und zeigt das Leben der wendischen, bäuerlichen Bevölkerung in diesen Rundlingen: Wohnen, Arbeiten, verschiedene Handwerke, Tierhaltung, Garten und Obstanbau. Zum Museum gehören auch eine Bakstaav, d.h. ein Haus mit Ofen zum Darren (Trocknen) des Flachses vor dem Brechen, eine (später angelegte) Röthekuhle für die Wasserröste und seit einigen Jahren auch ein Flachsbeet.
Blick in die neue Ausstellung und Besichtigung der Bakstaav im Rundlingsmuseum. Fotos: Mona Knorr
Neue Ausstellung: Leinen und Kolonialismus
In diesem Jahr hat das Museum seine Flachsausstellung neu gestaltet und thematisch erweitert. Neben der Darstellung der handwerklichen Schritte der Flachsherstellung beschäftigt sich die Ausstellung VERFLOCHTEN. Wendländisches Leinen und Kolonialismus, die in einem kleinen Haus auf dem Gelände untergebracht ist, mit den vielfältigen Verflechtungen rund um Flachs und vor allem die gewebten Leinenstoffe. Obwohl das Wendland im sog. Hinterland liegt, war man über den Fluss Jeetzel in drei Tagen in Hamburg – und damit angebunden an den weltweiten Handel. Wendländisches Leinen fand ebenso wie Leinen aus anderen ländlichen Teilen Deutschlands seinen Weg in die Kolonien nach Amerika. Die schlechten Qualitäten wurden dort zur Herstellung von Kleidung für versklavte Menschen benutzt. Umgekehrt kamen auf den gleichen Wegen Kolonialwaren wie Zucker und Kaffee zurück ins Wendland und in die Haushalte der bäuerlichen Bevölkerung. Sie erwirtschaftete mit der Leinenherstellung einen bescheidenen Wohlstand, was man u.a. noch an den verzierten Giebeln der Rundlingshäuser erkennen kann. Für die Bauern war es über lange Zeit die einzige Einnahmequelle neben der Landwirtschaft und harte Arbeit.
Museumsleiterin Sarah Kreiseler gab uns einen Einblick in die Forschung, die sie gemeinsam mit Ruth Stamm von der Leuphana Universität Lüneburg betreibt, und in Konzeption und Entstehung der Ausstellung. Wer es nicht in die Ausstellung schafft, dem empfehlen wir den Kauf der toll gestalteten Broschüre. Diese kann für 8,50€ beim Verlag und in jeder Buchhaltung bestellt werden.
Ausstellungsbroschüre, die auch einen Beitrag zu 1qm Lein enthält. Fotos: Mona Knorr
Flachsfeste und Streichbraken
Den Nachmittag nutzten wir für einen ausgiebigen Austausch über die Flachsfeste – dazu erscheint in den kommenden zwei Wochen noch ein ausführlicher Artikel hier im Blog. Dabei kamen wir auch auf sog. “Streichbraken” zu sprechen: Das sind Geräte, die vor allem in der Region Schaumburg genutzt wurden. Sie sehen aus wie Brechen, haben aber stumpfe Metallteile eingelegt, durch die man den Flachs zieht, statt ihn z.B. auf einem Schwingbock zu schwingen. Streichbraken waren bei unserem Kooperationspartner Zinnwerke in Hamburg aufgetaucht, ohne dass sie als solche erkannt wurden, aber Dank Monka Ahrendt vom Förderverein der Landesgartenschau Bad Nenndorf konnten wir beim Treffen Licht ins Dunkel bringen.
Streichbrake beim Flachsfest in Hamburg-Wilhelmsburg. Foto: Sonja Lattwesen
Tag zwei im Museumsdorf Volksdorf
Tag zwei unseres Treffens startete mit Sonnenschein im Museumsdorf Volksdorf in Hamburg. Mitten im Ort gelegen zeigt es Leben und Arbeiten der Bevölkerung in den Hamburgischen Walddörfern am Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Das lebendige Museum umfasst 11 Gebäude und beherbergt zahlreiche Fahrzeuge, Maschinen und vor allem viele Tiere. Rund 300 Ehrenamtliche engagieren sich in Volksdorf, das Museum wird privat von einer Stiftung und einem Verein betrieben. Verabredet hatten wir uns mit Egbert Läufer, Museumswart und Geschäftsführer der Stiftung – und seit 32 Jahren in Volksdorf aktiv.
Nach einem Rundgang durch einen Teil des Museums (Schmiede, Grützemühle und Bauernhäuser) kamen wir an der großen Tafel zusammen, um von Egbert mehr über den Flachsanbau im Museum zu erfahren. Das Wissen um Anbau und Verarbeitung hat er von einer alten Dame bekommen, die als siebte von sieben Geschwistern ihre Aussteuer noch selbst angefertigt hatte. Nachdem beide gemeinsam das erste Flachsjahr beendet hatten, starb sie – das Wissen war gerade noch rechtzeitig an die nächste Generation weitergegeben worden.
Das Museumsdorf befindet sich mitten im Stadtteil Volksdorf. Foto: Christiane Teichmann.
Erfahrungen aus dem Flachsanbau im Museum
Egbert baut in Volksdorf seit vielen Jahren Flachs an. Besonders hilfreich waren für uns seine Erfahrungen mit Standortmüdigkeit (Flachssaatgut, das selbst gewonnen wird, muss nach drei Jahren an anderen Standorten/auf anderen Böden angebaut werden, um nicht standortmüde zu werden) und Eigenunverträglichkeit. Flachs bildet sehr viele Feinwurzeln aus, die das Wachstum am gleichen Standort im nächsten Jahr behindern (aber gut für den Bodenaufbau sind). Auch Stoffe, die er an den Boden abgibt, hemmen das Wachstum im nächsten Jahr. Laut Literatur soll er nur alle sieben Jahre am gleichen Standort angebaut werden, am besten in Fruchtfolge mit Kartoffeln und Getreide (Weizen, Roggen). Für 1qm Lein heißt das, das Beet unbedingt jährlich zu wechseln und das Saatgut zwischendurch mit anderen Teilnehmenden zu tauschen.
Auch dem Rätsel der Zweihalmigkeit, die einige von unseren Teilnehmenden beobachtet hatten, sind wir auf die Spur gekommen: Sie entsteht, wenn mit frischem Mist gedüngt wurde. Stickstoff mag Flachs grundsätzlich nicht. Er wird dann sehr hoch, fällt aber schnell um und hat keine gute Faserqualität.
Tipps zur Röste
Egbert empfiehlt sowohl für Tau- als auch für Wasserröste ein Bündel Flachs mit einem farbigen Band zu kennzeichnen und einen Tag vorher auf die Wiese bzw. ins Wasser zu legen. An diesem Bündel kann man den Fortschritt der Röste testen – und den Vorgang rechtzeitig stoppen. Insbesondere bei der Wasserröste, die bei warmen Temperaturen sehr schnell voranschreitet, ist ein Test am Morgen und Abend zu empfehlen. Flachs, der nicht gerauft, sondern geschnitten wurde (was unüblich ist), sollte nicht in der Wasserröste gerottet werden, weil das Wasser in den Stängel eindringen und die Verrottung beschleunigen kann. In Hamburg wurde die Wasserröste in Fließgewässern übrigens um 1850 verboten.
Im Museumsdorf Volksdorf gibt es eine sehr aktive Spinngruppe, die von Stephanie Lotzin geleitet wird und die in diesem Jahr auch kräftig beim Flachsfest unterstützt hat. Die Termine findest du auf der Website des Museums.
Austausch zur Flachsverarbeitung, bestes Wetter und Rundgang durch das Museum. Fotos: Berenice Möller.
Regionaler Austausch
Beim anschließenden Austausch wurde nochmal deutlich, wie hilfreich der regionale Austausch zum Thema Flachs ist, auch um ganz praktisch KnowHow zur Verarbeitung, zum Wockenbau oder dem Spinnen weitergeben zu können. Das wollen wir vom 1qm Lein-Orgateam weiterhin gerne unterstützen. Sprecht uns gerne an, wenn ihr in eurer Region ein Treffen organisieren möchtet oder wir euch beim Kontaktaufbau oder der Vernetzung unterstützen können.
Danke
Herzlichen Dank an Sarah und Luisa vom Rundlingsmuseum Wendland für die Gastfreundschaft und an Egbert und Stephanie vom Museumsdorf Volksdorf für die Einblicke in die Museumsarbeit. Danke an alle Teilnehmenden für den Austausch, die Begeisterung und die gute Laune. Wir freuen uns schon aufs nächste Mal!
Das nächste Kooperationspartner:innentreffen findet voraussichtlich im Mai in Bad Nenndorf statt. Das Team vom Förderverein der Landesgartenschau Bad Nenndorf hat uns eingeladen, mit ihnen zusammen die Textilgeschichte in der Region Schaumburg zu entdecken.
Text: Mona Knorr
