Flachsklopfen vor dem Brechen
Bei unserem Netzwerktreffen im LWL-Freilichtmuseum Detmold (jetzt LWL-Museum Hellerlecht) konnten wir einen Bokhammer ausprobieren und eine Bokmühle bewundern (Foto und Video sind in diesem Beitrag zu finden) – mit beiden wurde der Flachs vor dem Brechen weich geklopft.
Dieser Arbeitsschritt war neu für uns und bisher ist er auch nicht Teil unserer Anleitungen. Deshalb freuen wir uns sehr, dass Doris Fischer für uns einen Beitrag zum Flachsklopfen geschrieben hat – vielen Dank!
Bokhammer im LWL-Museum Hellerlecht Detmold. Foto: Mona Knorr
Verschiedene Werkzeugvarianten
Ein Arbeitsschritt, der nicht überall gemacht wurde, war das Schlagen der Flachsstängel vor dem Brechen. Mancherorts ersetzte es auch das Brechen.
Die Bezeichnung für diesen Prozess unterscheidet sich, wie so vieles bei der Flachsbearbeitung, je nach Region.
Der Flachs konnte auf drei verschiedene Arten geschlagen werden:
- Mit einem Schlägel bzw. Holzhammer.
- Mit einem langstieligen Werkzeug.
- In einer Mühle mit Stampfwerk.
Mit einem Schlägel oder Holzhammer
Im einfachsten Fall konnte ein vorhandener Wäscheklopfer, ein einfacher Holzknüppel oder eine Holzkeule zum Schlagen benutzt werden. Es gab aber auch speziell angefertigte Schlägel. In Niedersachsen hatte man dafür einen an der Schlagseite eingekerbten Holzhammer.
Eine harte, glatte Unterlage war wichtig. Das konnte ein hölzerner Hackklotz, gerne aus Eiche, oder ein glatter Stein sein. In Westfalen auch eine Bank, „Bukebank“, aus dicken Holzbohlen.
Die Tätigkeit hieß blauen, bläuen, bläueln, böhnen oder boken.
Begriffe für das Werkzeug sind Flassklöpper, Beutelholz, Böhnebeil, Boker, Poker, Blauel, Bläuel.
Belege habe ich außer in Deutschland in Calabrien, Baskenland, Portugal, Frankreich, Sardinien, Südtirol und Schweden gefunden.
Mit einem langstieligen Werkzeug
Typisch für dieses Werkzeug ist der gebogene lange Stiel, an dem unten ein rechteckiges Brett befestigt ist. Ist das Brett an der Unterseite eingekerbt, dient es zum Zerbrechen der Flachsstiele. Ist es unten glatt, zerschlägt man damit die Samenkapseln.
Botthammer aus Flandern auf Museum digital Agrargeschichte
Das Brett war aus hartem schweren Holz, zum Beispiel aus Eiche. Die Kanten der 1 bis 2 cm tiefen Kerben durften nicht zu scharf sein. Als Stiel diente ein krummgewachsener, ca. 80 bis 120 cm langer Stock. Dafür eignete sich Holunder.
In Westfalen und Hessen hieß das Werkzeug Treute oder Treite. Aus Niedersachsen ist Treide überliefert, aus Osnabrück Tröte, aus Braunschweig Tratte. In Gießen und auch in Wegberg nannte man es Bläuel. Der bekannteste Begriff ist aber Bokhammer, Botthammer oder Potthammer, in Flandern Boothamer.
Buchmalereien in flämischen Stundenbüchern aus dem Spätmittelalter zeigen, wie wir uns diesen Vorgang vorstellen müssen. Das Flachsschlagen ist meist gemeinsam mit dem Schwingen auf dem Kalenderblatt für den Monat November dargestellt.
Wer die folgenden Angaben in eine Suchmaschine eingibt, findet die entsprechenden Darstellungen der Stundenbücher:
- Bayerische Staatsbibliothek, CLM 28346, um 1515
- British Library, Add MS 35313, fol. 6v, Hours of Joanna I of Castile, 16. Jh.
- Morgan Library, MS M 52, fol. 7r, Breviarium von Eleanor von Portugal, um 1500.
- Morgan Library, MS M 451, fol. 6v, 1531
- Morgan Library, MS M 1175, fol. 14r, 1525 – 1530
- Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 1897, Gebetbuch Jakobs IV. von Schottland, 16. Jh.
Arbeitsablauf beim Schlagen mit dem Bokhammer
Aus dem 19. und 20. Jh. gibt es Beschreibungen, wie das Boken ablief:
Den trockenen und gerösteten Flachs „3 Zoll dick“ in zwei Reihen, im Halbkreis oder im Kreis auf der „reingefegten“ Dreschtenne/ Dreschdiele oder auf „einem harten Lehmwege“ auslegen. Eine oder mehrere Personen schlagen zuerst das Wurzelende, dann die Mitte und zum Schluss das obere Ende. Alternativ zuerst die Enden, dann die Mitte. Damit der Flachs nicht verrutscht, tritt man auf die Stängel. Nachvollziehbar ist folgende Warnung: „… so hat der Anfänger sich in Acht zu nehmen, daß er sich nicht auf die Zehen schlage.“
Nach dem ersten Durchgang wird der Flachs gewendet, um auch die andere Seite zu erreichen. Wenn die Stängel flach geschlagen sind, folgt als nächster Schritt dann entweder das Brechen, oder, wenn gründlich gebokt wurde, das Schwingen. Vor dem Brechen soll der gebokte Flachs zwei bis drei Wochen liegen gelassen werden, damit sich die Schäben leichter ablösen.
In Flandern wurden die gebokten Stängel mit beiden Händen gerieben. Statt des Brechens und Schwingens konnte auch das Ribben folgen, bei dem die Schäben mit einem speziellen stumpfen Messer auf einer Lederunterlage abgestreift wurden (auch davon haben wir in Detmold ein Video gemacht).
Anders als vor dem Brechen musste der Flachs nicht vorher extra gedörrt/gedarrt werden, gut trocken sollte er aber schon sein.
Verschiedene Varianten eines langstieligen Werkzeugs. Fotos: Doris Fischer
Boken mit einer Mühle
Diese Mühlen hatten ein Stampfwerk, das durch Wasserkraft oder mit Pferden als sogenannte Rossmühle angetrieben wurde. Begriffe für die Flachsmühle sind Pochmühle, Pokmühle, Bokmühle, Bakmühle, Bokemühle oder Stukemühle.
Eine solche Mühle ist im Bauernhausmuseum Bielefeld zu sehen.
Text: Doris Fischer
