Citizen-Science-Projekt: Was sind alte Sorten?

Mit der Aussaat im April startet auch unser Citizen-Science-Projekt zu alten Flachssorten voll durch. Zwei Sorten haben wir gemeinsam mit unserem Projektpartner, dem Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen (VERN e.V.) zur genauen Beobachtung an unsere Teilnehmer:innen ausgegeben: Den Eckendorfer Langflachs und den Hohenheimer Blaublühender. Ziel ist, verschiedene Anbau und Ertragsdaten zu sammeln (welche genau das sind, kannst du dir in diesem PDF ansehen) und mit Klima- und Wetterdaten zu kombinieren.

Zum Start in die Saison hat uns Rudolf Vögel, Vorstand im VERN e.V., einen Einblick in den Erhalt und die Erforschung von Alten Sorten gegeben.

Du möchtest noch beim Citizen–Science-Projekt mitmachen? Bis zum 1. Mai kannst du dir noch ein Starterpaket für das Projekt in unserem Shop kaufen.

Flachs kann auch weiß blühen. Hier die Sorte „Hohenheimer Weißblühender“ in unserem Pilotanbau 2025 im Hamburger Inselpark. Foto: Annette Schmid.

Was sind alte Sorten? Von Kulturgut zu biologischer Vielfalt

Unsere Geschichte, Kulturen und Traditionen spiegeln sich in Nutz- und Kulturpflanzen wieder. Der Gebrauch, die Auswahl und auch die Züchtung von Pflanzen sind Teil der Menschheitsgeschichte. Die Veränderung von Lebensgewohnheiten, aber auch Entwicklungen in Technik und Wirtschaft haben den Umfang und die Arten unserer Nutzpflanzen immer verändert und tun dies auch heute. Auch Klimaänderungen und Standortbedingungen haben Nutzpflanzen beeinflusst, ließen sie z. T. ganz verschwinden oder neue hinzukommen.

Als “Alte Sorten” bezeichnen wir Sorten von Kulturpflanzen, die über jahrtausendelange Züchtung durch Menschen entstanden sind. Obst, Getreide, Gemüse, Faserpflanzen – alle Kulturpflanzen haben sich in diesem langen Züchtungszeitraum genetisch an ihren Standort anpassen können und wurden nach Ertrag, Qualität und Verarbeitungsansprüchen ausgelesen. Da Anpassungsfähigkeit und Ertragssicherheit besonders von genetischer Vielfalt abhängig sind, kommt alten Sorten, aber auch verwandten Wildarten, heute eine besondere Bedeutung bei. 

Faserleinanbau beim VERN e.V. Foto: VERN e.V.

 

Saatguterhaltung in Genbanken

Um eine möglichst große Vielfalt von Sorten zu erhalten, gibt es überall auf der Welt Gen- und Saatgutbanken. Meist sind diese staatlich organisiert, aber auch viele gemeinnützige Organisationen kümmern sich um den Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt – so auch der VERN (Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen e.V).

Wir möchten alte Sorten “lebendig” halten, indem wir sie durch ständigen Anbau weiterhin einer Anpassung an Standort und Klima unterwerfen. Gleichzeitig machen wir die Sorten für interessierte Menschen einfach zugänglich, so dass diese nicht nur bei uns, sondern auch in privaten Gärten und auf landwirtschaftlichen Betrieben wieder angebaut werden. Insgesamt 2.000 Sorten haben wir in unserem Archiv – von Gemüse über Getreide bis hin zu Faser- und Gespinstpflanzen.

Woher stammen die Sorten?

Viele dieser Sorten entstammen den deutschen und europäischen Genbanksammlungen. Einige kamen aber auch durch Austausch mit anderen Organisationen und von privaten Nutzern zu uns. Nicht immer waren Informationen über Herkunft, Verbreitungsgebiet oder Eigenschaften dabei – so wie bei den meisten der Faserleinsorten in unserem Archiv. Wir versuchen daher laufend, diese Sorten um weitere Informationen zur Züchtung, Verbreitung, zu Eigenschaften und Gebrauch zu ergänzen. So entsteht auch im Austausch mit den Nutzer:innen nach und nach ein lebendiges Sortenarchiv, das häufig weit mehr von diesen Pflanzen weiß als wissenschaftliche Einrichtungen.

Hauptblüte auf dem Flachsfeld im Hamburger Inselpark 2025. Foto: Berenice Möller.

Unsere Sammlung von Faserleinsorten

Flachsanbau war in Deutschland und Mitteleuropa bis zum frühen 20. Jahrhundert verbreitet. Durch den schrittweisen Rückgang des Flachsanbaus gingen viele damals gebräuchliche regionale Landsorten verloren. Aus Genbanken und Sammlungen waren und sind aber dennoch frühe Zuchtstämme und teilweise auch regionsspezifische Sorten von Faser-, Öl- und Kreuzungslein dokumentiert. Darunter befinden sich Winter- und Sommerformen, verschiedene Blütenfarben, unterschiedliche Wuchslängen und auch Verarbeitungseigenschaften.

Der VERN verfügt über ein reichhaltiges Sortiment besonders von Lein- und Flachssorten. Das Interesse an diesen Sorten nimmt aktuell wieder zu, nicht nur bei uns in Deutschland. Deshalb haben wir begonnen, das Saatgut wieder zu vermehren und zu erforschen, um es so vor allem auch für den privaten Kleinanbau wieder verfügbar zu machen.

Praktisch heißt das, dass wir von oft sehr kleinen, schon länger eingelagerten Saatgutmengen (wenige Gramm) in parzellierten Beeten größere Mengen Saatgut erzeugen und Wuchs- und Erntedaten darüber notieren. Danach geht das Saatgut meist zu Erhalter:innen aus unserem Netzwerk, die das Saatgut nochmals für uns vermehren.

Gleichzeitig sichten wir historische Literatur und Anbaustatistiken, um Kenntnisse zum früheren Gebrauch, Verbreitung und besonderen Eigenschaften zu bekommen. Hilfreich dabei sind immer wieder auch individuelle Hinweise zu Sortennamen, Zuchtstätten und früherer Verarbeitung. Manchmal können solche Angaben patchworkartig zu umfassenderer Kenntnis einzelner Sorten zusammengeführt werden.

Die Hauptblüte ist hier schon vorbei. Man sieht viele grüne Samenkapseln und noch vereinzelte Blüten. Foto: VERN e.V.

Das Wissen mehren: Wir freuen uns auf den Austausch mit euch

Unser Ziel ist es daher, durch privaten Gebrauch und Anbau wieder mehr Arten und Sorten von Kulturpflanzen verfügbar zu machen und das Wissen darüber auszutauschen und zu mehren. Deshalb freuen wir uns, dass im Rahmen des Citizen-Science-Projektes zwei Sorten aus unserer Flachssammlung angebaut werden: der “Hohenheimer Blaublühender” und der “Eckendorfer Langflachs”. Beide Sorten haben wir bereits bei uns kultiviert und Daten erhoben, jetzt können wir durch die Verteilung der Starterpakete in ganz Deutschland Daten von ganz verschiedenen Standorten dazugewinnen und ggf. auch mit Klima- und Wetterdaten verbinden. Wer Lust hat, in seiner Region nach alten Flachssorten zu recherchieren, kann uns darüber hinaus helfen, unser “Informationspatchwork” zu vervollständigen.

Alle unsere Sorten sind übrigens aus zertifiziertem ökologischen Anbau, samenfest und nachbaufähig. Du kannst also selbst Saatgut gewinnen und im Jahr darauf wieder anbauen.

Das Interesse an alten Flachssorten in anderen Ländern

Auch in anderen Ländern nimmt das Interesse am Flachs zu. So hat die Nordische Genbank NordGen das Projekt “Nordic Flax Futures” initiiert. 2024 wurde der gesamte Bestand der Flachs-Varietäten in der Genbank wieder angebaut, um Daten zu erheben. Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.

Es gibt auch eine internationale Flachs-Datenbank, die vom Tschechischen Züchtungsunternehmen Agritec koordiniert wird.

Auch bei 1m²Vlas in den Niederlanden ist man auf der Suche nach alten Sorten. Der Grund? Moderne Sorten wurden auf Ertrag und damit auf Wuchshöhe gezüchtet. Flachsstängel, die über einen Meter lang sind, sind allerdings von Hand schwer zu verarbeiten. Alte Sorten blieben dagegen niedriger – und sind damit für die traditionelle Verarbeitung von Hand möglicherweise einfacher zu händeln.

 

Text: Rudolf Vögel. Letzter Abschnitt: Mona Knorr