Ackern, Bauen, Spinnen: Update aus dem 1qm Lein Schulprojekt „Vom Feld zum Faden“ in Hamburg

Es gibt Neuigkeiten aus unserem Schulprojekt in Hamburg (den Bericht zur Aussaat findest du in diesem Blogartikel), das wir im Rahmen einer Förderung der Vattenfall Umweltstiftung umsetzen können.

Heute geht es um altes Handwerk in der Jetztzeit. Jugendliche bauen Flachsbrechen aus Holzresten und kaputten Möbelteilen und besticken eine historische Leinentischdecke mit selbst gesponnenen Flachsfäden.

Bei Rückfragen zum Projekt schreib uns gerne an schule@1qmlein.de.

Konzentriertes Sticken an der Tischdecke mit selbstgesponnenem Leinengarn

Im März diesen Jahres startete die Kooperation zwischen dem Wilhelmsburger Inselpark, den Wilhelmsburger Zinnwerken und der im Stadtteil angrenzenden Nelson-Mandela-Schule, die Berenice und Annette vom Hamburger 1qm Lein-Team initiierten und begleiten. Im März begannen die Jugendlichen aus der 9. und 10. Klasse des Profils Kunst-Handwerk-Design mit der gemeinsamen Aussaat von 100 m2 Lein im Wilhelmsburger Inselpark.

Das Schulhalbjahr weicht vom Wachstumszyklus der Pflanzen ab, daher ist es nicht möglich, innerhalb eines Halbjahres zu säen und den gleichen Flachs zu verarbeiten.

Flachsspinnen mit historischen Fasern

Unsere Lösung: Während der Wachstumszeit des eigenen Flachses mit historischen Flachsfasern die Flachsverarbeitung lernen. Der eigene Flachs kann dann beim großen Flachsfest in den Zinnwerken im Herbst verarbeitet werden. Während der Lein also auf dem Feld wuchs, holten die Jugendlichen das Spinnen in ihren Alltag. Sie nahmen sich die Zeit, um aus Faser-Rohmaterial (Hechelwerg) den ersten eigenen Faden herzustellen. Das Ergebnis dieser intensiven Arbeitsphase ist bereits fertiggestellt. Eine alte Leinen-Tischdecke, die die Jugendlichen mit ihren selbst gesponnenen Flachsfäden bestickt haben. Das Spinnen und Sticken erforderte einiges an Konzentration, wir freuen uns sehr über die schönen Ergebnisse!

Beispiele von Prozess und den Ergebnissen der Stickereien auf der Tischdecke.

Anleitung zur Tischdecke

Ein historisches Tischtuch oder ein Laken aus Leinen lässt sich oft über Kleinanzeigen finden. Da die selbst gesponnenen Fäden je nach Spinnversuch in ihrer Stärke stark sehr variieren können, wird die Technik am besten an das Material angepasst. Für die dünneren Fäden empfiehlt sich das Rückstich-Steppstich Verfahren (direkt mit dem gesponnenen Garn sticken). Hierfür werden breite Sticknadeln benötigt. Eine Anleitung zum Sticken gibt es z.B. bei Wolle Rödel. Die dickeren Fäden können hingegen auch mit einem feineren Leinen-Stickgarn (wie z. B. von Anchor Linen) aufgenäht werden. Grundsätzlich eignet sich auch jeder andere Stickstich. Eine Vielzahl an Videoanleitungen kann ganz einfach per Suche auf YouTube gefunden werden. Um Motive vorab aufzubringen, bieten sich spezielle Textilmarker aus dem Bastelbedarf an. Diese lassen sich mit etwas Wasser wieder auswaschen. Etwas DIN A3 Zeichenpapier und Bleistift ist zum Entwurf der Skizze vorab zu empfehlen. Je nach Zeitaufwand eignen sich große einfache Konturen besser als kleinteilige Zeichnungen.

Bau von Flachsbrechen

Während eine Gruppe sponn und stickte, sägte, bohrte und schliff die andere Gruppe (und später andersherum). Ziel war der Bau von eigenen unkonventionellen Flachsbrechen mit Ressourcen aus dem eigenen Stadtteil. Statt Holz neu zu kaufen, nutzten die Schüler*innen das, was sich ohnehin an den Straßen türmt. Alte Möbelteile wie kaputte Tisch- und Stuhlbeine wurden ebenso gesammelt wie bunte Restabschnitte diverser Holzprojekte. 

Sammlung von Altholz und Bau einer Breche

Auch historisch wurden Flachsbrechen häufig mit kunstvollen Ornamenten verziert. Diesen Gedanken griffen die Jugendlichen auf, um ihn neu zu interpretieren. Ganz ohne zusätzliche Farbe oder Deko, sondern allein durch das Konstruieren und die Neukombination der unterschiedlichen Fundstücke und Holzstrukturen kreierten sie in Kooperation mit der Architektin Maire Cordts aus der Stadtteilwerkstatt der Wilhelmsburger Zinnwerke Unikate.

Tipps zur Herstellung von Flachsbrechen aus Altholz

Das Bauen mit Fundstücken erfordert Kreativität, macht das Projekt aber erst so richtig spannend. Wichtig für den Bau ist die Verwendung von stabilem Hartholz oder Massivholz, Pressspanplatten halten der Belastung nicht so gut stand. Altholz und Abschnitte können bei lokalen Tischlereien, Holzwerkstätten, Schulwerkstatt-Restekisten, an der Straße oder beim Sperrmüll/ Recyclinghof gefunden werden.)

  • Seitenteile: Kleinere Platten oder längere Latten vorab auf gleichmäßige Längen zuschneiden. Die Größe der Breche ergibt sich aus den vorhandenen Maßen und einer sinnvollen Verwertung.
  • Mittelteil: Hier eignen sich markante Stücke wie alte Stuhl- und Tischbeine oder sogar abgebrochene Teile eines ehemaligen IKEA-Himmelbetts (siehe Foto der Brechen).
  • Verbindung hinten: Die Holzteile mit einem passenden Lochbohrer durchbohren. Vorhandene Metall-Gewindestangen und Muttern mit der Flex auf die richtige Breite kürzen und alles stabil verschrauben.
  • Füße: Auch hier eignen sich auffällige Stücke und kleinere Restabschnitte, die sehr unterschiedlich zum Rest sein können. Sie sollten die gleiche Höhe haben.

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigt auch eine Anleitung für eine Breche aus einem alten Lattenrost, die du in unserem Blogbeitrag mit Anleitungen und Fotos aus der 1qm Lein-Community finden kannst. Beim Bau der Brechen mit den Schüler:innen haben wir uns an diesen Anleitungen orientiert.

Schick uns Fotos deiner Stick- und Upcycling-Projekte!

Wer sind gespannt auf eure Ideen zum Thema Upcycling und Sticken mit Leinengarn, teilt eure Inspirationen doch gerne mit uns via Mail an hallo@1qmlein.de.

Text + Fotos: Annette Schmid mit Berenice Möller