1qm Lein kommt ins Wendland

Elke Gehrke hat letztes Jahr 1qm Lein ins Wendland geholt und gemeinsam mit dem Rundlingsmuseum Wendland ein beeindruckendes Programm rund um das Thema Flachs auf die Beine gestellt. In ihrem Artikel nimmt sie uns mit durch das gesamte Jahr: Von der ersten Idee, über die Planung von Veranstaltungen bis hin zum großen Flachsfest. Ein toller Einblick!

Dieser Artikel ist in einer kürzeren Version zuerst im Dezember 2025 in der Zeitschrift Mit Spinnrad & Spindel der Handspinngilde e.V. erschienen. Vielen Dank an Elke und die Handspinngilde, dass wir ihn hier veröffentlichen dürfen.

Von der Idee zum Jahresprogramm

Ende 2024 erfuhr ich von dem Projekt „1qm Lein“. Es ist ein Mitmach- und
Communityprojekt, das 2025 das erste Mal in Deutschland stattfinden sollte und ursprünglich aus Schweden kommt. Man kann als Privatperson, Museum, Schule oder mit andere Gemeinschaften daran teilnehmen. So bekam ich zum Geburtstag denn auch ein Starter-Päckchen der Samensorte „Christine“ von meiner Tochter geschenkt.
Da ich mich neben der Verarbeitung von Wolle auch schon lange für den Anbau und die Weiterverarbeitung von Flachs bis zum fertigen Faden interessiere, habe ich 2017 im Rahmen der Ausbildung für das „Zertifikat der Handspinngilde“ alle Arbeitsschritte von der Aussaat bis zum fertigen Werkstück praktisch vollzogen.

Ich gebe mein Wissen gerne an andere Interessierte weiter. Der Leiterin des Rundlingsmuseum Wendland habe ich daher vorgeschlagen, Kooperationspartner von „1qm Lein“ zu werden. Da im Wendland traditionell Flachs bis ins 20. Jahrhundert angebaut wurde und das Museum 2025 ein „Themenjahr Flachs und Leinen“ plante, passte die Teilnahme des Museums als Kooperationspartner von „1qm Lein“ sehr gut in sein Konzept.

Der Anbau und die Verarbeitung von Flachs im Hannoverschen
Wendland

Der Flachsanbau im Hannoverschen Wendland hat eine lange Tradition. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert stellte wendländisches Leinen ein Drittel des hannoverschen Handels- bzw. Produktionsvolumens.
Angebaut wurde der Flachs in der gesamten Region. Die Leinsaat wurde vom eigenen Flachs, der in der Gelbreife (die Pflanze ist gelblich, die Kapseln sind ausgereift, aber noch nicht völlig trocken) geerntet wurde, abgenommen. Alle vier Jahre wurde neue Saat aus Riga, die über Lübeck ins Wendland kam, gekauft.

Aussaat am 100. Tag und Wasser- statt Tauröste

Der Flachs wurde rund um den hundertsten Tag gesät und nach ca. vierzehn Wochen, noch vor der Roggenernte, gerauft. Vom Zeitablauf fügte sich die Ernte des Flachses so gut in das landwirtschaftliche Jahr.
Aufgrund des hier in der Gegend unbeständigen Wetters gab es hier keine Tauröste (hier wird die Flachspflanze auf dem Boden liegend der Witterung ausgesetzt). Der in Gelbreife geraufte Flachs wurde zunächst zum Rotten in fließende Gewässer gelegt. Nachdem es dadurch zu einem großen Fischsterben kam, wurde die Wasserröste in fließenden Gewässern verboten. Es wurde nur noch in dafür speziell angelegten Rötekuhlen
gerottet. Nach dem Trocknen des Flachses wurde er gebrochen, geschwungen und gehechelt. Über die Wintermonate wurde gesponnen und gewebt. Bis ins 17. Jahrhundert verwendeten die Menschen Handspindeln zum Flachsspinnen.

Von der Handspindel zum Spinnrad

Johann Parum Schultze (wendländischer Chronist, 1677–1740) brachte zu diesem Zeitpunkt das Spinnrad ins Wendland. Das Spinnen mit dem Spinnrad erhöhte die Produktivität des Spinnens gegenüber der Handspindel um das Zehnfache. Später wurde die Produktivität des Flachsspinnens noch verdoppelt, indem zweispulige Spinnräder eingesetzt wurden.
Das Weben wurde überwiegend von Hausfrauen und Mägden auf den bäuerlichen Höfen betrieben. Außer der nebenberuflichen Weberei auf den landwirtschaftlichen Betrieben gab es noch 45 Linnewebermeister mit Gesellen und Lehrlingen. Sie produzierten für den Markt in Hamburg. Die Leinenballen wurden mit Kähnen auf Elbe und Jeetzel nach Hamburg gefahren. Ab 1817 fuhren die ersten Dampfer auf der Elbe. Der Transport wurde dadurch erheblich erleichtert.

Der Niedergang des Flachsanbaus

Im Zuge der Agrarreform Ende des achtzehnten Jahrhunderts konnte Ackerland intensiver und planvoller genutzt werden als beim Flachsanbau. Für viele Landwirte wurde es nun attraktiver, andere Produkte zu erzeugen. Außerdem wurde immer mehr Baumwolle importiert.
Mit fortschreitender Industrialisierung, ab 1870, setzte der Niedergang des häuslichen Textilgewerbes ein. Stattdessen gab es mehr Arbeitsplätze durch die Industrialisierung. Diese Entwicklung hat die Bevölkerungsdichte des Landkreises Lüchow-Dannenberg nachhaltig beeinflusst. Hatte das Wendland 1820 noch die höchste Bevölkerungsdichte Niedersachsens, nahm sie seit 1870 nach Überschreiten des Höhepunktes des Leinengewerbes ab. Seit 1939 ist das Wendland das am dünnsten besiedelte Gebiet des Regierungsbezirks Lüneburg.

Erstes Treffen mit der Museumsleitung

Bei unserem ersten Treffen planten die Museumsleitung, Dr. Sarah Kreiseler, und ich, wie wir „1qm Lein“ in das Themenjahr „Flachs und Leinen“ integrieren könnten. Wie in jedem Jahr sollte natürlich auf der Aussaatfläche des Museums Flachs ausgesät werden – dieses Jahr allerdings Saat „Christine“ aus dem Starterpaket von „1qm Lein“.

Infoabend, Spinnkurs, Ausstellungseröffnung und Flachsfest

Es sollte im März einen Infoabend zum Thema “Flachsanbau – Von der Aussaat bis zur Rotte” geben, bei dem die häufigsten Fragen beantwortet wurden. Im Juli bot ich einen Regionalkurs für die Handspinngilde „Vom Flachs zum Leinenfaden“ an. Für den Spinnkurs ließen wir in einer Behindertenwerkstatt Sitzwocken, ein Hilfsmittel zum Verspinnen von Flachs anfertigen. Im Sommer sollte die Neupräsentation der Flachs- und Leinenausstellung des Museums erfolgen. Hierzu gab es eine Ausstellungseröffnung der neuen Dauerausstellung des Museums. Sarah Kreiseler und Ruth Stamm, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Leuphana-Universität Lüneburg, hatten im Rahmen einer Forschungskooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg zu dem Thema “Wendländisches Leinen und Kolonialismus” geforscht.
Und schließlich sollte es als Höhepunkt des Communityprojektes im September im Rundlingsmuseum ein Flachsfest geben, bei dem alle Teilnehmer: innen ihren selbst angebauten Flachs mitbringen konnten. Vom Brechen bis zur spinnfertigen Faser sollten sie die Möglichkeit haben, alle notwendigen Arbeitsschritte selbst zu tun.

Die Wiederbelebung des Flachsanbaus im eigenen Garten

Um weitere Teilnehmer: innen für das Projekt „1qm Lein“ zu gewinnen, gab es in der Lokalzeitung einen Artikel darüber. Im März gestaltete ich im Rundlingsmuseum einen Infoabend über den Flachsanbau auf kleinen Flächen, dabei ging es um die Arbeitsschritte von der Aussaat bis einschließlich der Rotte. Die Museumsmitarbeiter und ich waren sehr gespannt, wie viele Interessierte wohl kommen würden.
Zu unserer Überraschung waren es ca. interessierte 30 Teilnehmer: innen, die sich mit Hilfe einer PowerPoint-Präsentation über Aussaatdichte, Reihenabstand, Ernte, Trocknung und verschiedene Rottemethoden informieren wollten. Für alle hatte ich Ansichtsmaterial und ein Handout über die genannten Arbeitsschritte mitgebracht.

Bau der Flachsbreche

In der Zwischenzeit…

… säten sowohl die Gartengruppe des Museums als auch die anderen Teilnehmer: innen des Projektes „1qm Lein“ um den 100. Tag ihren Flachs aus. Während der Flachs wuchs, gab es für meinen Spinnkurs im Sommer und dem im Herbst stattfindenden Flachsfest noch viel zu tun.

Suche nach Flachsgeräten und Bau einer Breche

Wir brauchten Geräte zur Flachsverarbeitung, Exponate für die Ausstellung und Übungsmaterial für meinen Spinnkurs. Zwei Aufrufe in der Lokalzeitung mit der Bitte um entsprechende Spenden waren sehr erfolgreich. Es meldeten sich viele Menschen, die ihre Keller und Dachböden durchsucht hatten und uns Material zur Verfügung stellten.
Außerdem hatte das Rundlingsmuseum die Flachsernte mehrerer Jahre auf einem Dachboden gelagert. Über den Sommer habe ich die Flachsstängel in einer ausrangierten Badewanne gerottet.Mein Mann und ein befreundeter Tischler erklärten sich bereit, eine neue Flachsbreche zu bauen. Die Anleitung dafür fanden sie auf der Internetseite von „1qm Lein“.

Eine Schulklasse kommt spontan zu Besuch

Kurz vor den niedersächsischen Sommerferien interessierte sich eine Schulklasse für die Verarbeitung von Flachs. In meinem Workshop konnten die Schüler: innen die neu gebaute Breche und die erworbenen historischen Geräte schon mal ausprobieren. Mit dem inzwischen gerotteten Flachs des Museums hatten sie reichlich Material, um die mühevolle Arbeit des Brechens, Schwingens und Hechelns kennenzulernen. Für die Schüler: innen war es eine gute Gelegenheit, eine Wertschätzung für die eigene Kleidung zu bekommen.

Regionaler Spinnkurs im Rundlingsmuseum

Am letzten Wochenende im Juni fand dann der Regionalkurs der Handspinngilde „Von der Rotte zum fertigen Faden“ statt. Es waren 6 Teilnehmerinnen, die an dem Projekt“ 1qm Lein“ teilgenommen hatten. Der angebaute Flachs stand bei allen Teilnehmerinnen in voller Blüte.
Nach einer theoretischen Einführung in das Thema „Von der Rotte zum fertigen Faden“ haben wir das Flachsbeet des Rundlingsmuseums begutachtet. Waren die Pflanzen gut gewachsen? Waren sie dicht genug gesät und würden sie reichlich Langfaserflachs geben? Wie lange sollten die Flachspflanzen noch stehen, bis sie gerauft würden?
Für die nächsten zwei Tage hatte uns das Museum einen idyllischen Ort auf seinem Gelände zur Verfügung gestellt.

Dort führten die Teilnehmer: innen alle Arbeitsschritte bis zur spinnfertigen Faser durch. Spinnen aus dem Handtuch, das Binden eines Wockens und das Spinnen vom Wocken und vom hängenden Zopf begleiteten uns an diesem sonnigen Sommerwochenende. Wir hatten viel Spaß bei Butterbrot und Butterkuchen und einige Teilnehmerinnen wollten ihre neuen Kenntnisse als Multiplikatorinnen mit in ihre „Community 1qm Lein“ weitertragen.

Flachsfest: Vom Flachs zum Leinen selbstgemacht

Bis zum Flachsfest, zu dem alle Teilnehmer: innen von“1qm Lein“ und andere Interessierte eingeladen waren, gab es noch viel zu tun.
Bis zum ersten Septemberwochenende, an dem das Flachsfest stattfinden sollte, hatten wir eine Teambesprechung. Dort lernten sich alle Teamer, die diesen Tag mitgestalten wollten, kennen. Wir planten zwei Straßen mit den jeweiligen Arbeitsgeräten für die Verarbeitung des Flachses, den die Teilnehmer: innen von „1qm Lein“ mitbringen würden, aufzubauen. Es sollte einen Stammtisch geben, an dem sich Teilnehmer: innen über ihre Erfahrungen mit „1qm Lein“ austauschen könnten.
Am Infostand konnten Teilnehmer: innen und Interessierte sich für einen weiteren Spinnkurs im kommenden Jahr melden. Die noch verbliebenen Sitzwocken sollten verkauft werden.

Probelauf vor dem Flachsfest

Wir beschlossen, dass es zwei Tage vor dem Flachsfest noch einen Probelauf mit allen Teamern und allen aufgebauten Geräten in Aktion geben sollte. In der Nacht vor unserem Probelauf hatte es geregnet, sodass das Brechen des Flaches an diesem Tag nicht gut funktionierte. Alle Teamer verstanden nun, warum es in dieser Gegend in früheren Zeiten eine sogenannte „Backstaav“ gegeben hatte. In diesem Gebäude wurde
der gerottete Flachs vor dem Brechen gedörrt. Es befand sich wegen der hohen Brandgefahr immer außerhalb des Dorfes.
Um die Flachsstängel beim Flachsfest gut brechen zu können, nahm ich sie noch einmal mit nach Hause und trocknete sie in unserem Heizungsraum nach. Alle Teamer waren schon aufgeregt, wie viele Besucher am Flachsfest teilnehmen würden. Zudem hatte sich der NDR angemeldet. Er wollte in einer Vorabendsendung über das Projekt „1qm Lein“ berichten.

Besuch vom NDR

Die Teamer trafen sich eine Stunde vor Öffnung des Museums, um Geräte und Infostände aufzubauen und letzte Absprachen bei einer gemütlichen Kaffeerunde zu treffen. Pünktlich um 10 Uhr (das eigentliche Flachsfest begann um 12 Uhr) kamen die ersten Teilnehmer: innen von „1qm Lein“ mit Flachsbündeln. Im Laufe des Tages wurden es so viele Menschen, die ihren Flachs verarbeiten wollten, dass wir eine dritte Verarbeitungsstraße aufmachten.
Die Reporterin des NDR interviewte Teamer, Flachsanbauer und andere
Museumsbesucher zu ihrer Motivation an diesem Fest teilzunehmen. Unter den Museumsbesuchern gab es auch ältere Menschen, die in ihrer Jugend in der Flachsverarbeitung tätig waren. Für sie war es sehr interessant zu erfahren, dass der Flachsanbau und das Flachsspinnen zu Leinenfäden wieder aufleben. 

Insgesamt kamen an diesem sonnigen Herbsttag dreimal so viele Besucher in das Rundlingsmuseum Wendland wie an anderen Sonntagen. Als das Museum um 17 Uhr die Pforten schloss, waren die Teamer mit diesem Tag sehr zufrieden. (Den Beitrag vom NDR kannst du hier ansehen.)

Ausblick auf das kommende „Flachsjahr“

Für das nächste Jahr plant das Museum ein weiteres Jahr als Partner des Community-Projektes „1qmLein“ und einen weiteren Spinnkurs.
Ein besonderer Reiz liegt auch darin, im kommenden Jahr die Möglichkeit zu haben, eine alte Flachssorte anbauen zu können und somit zu dem Erhalt alter Kultursorten beitragen zu können.

Text: Elke Gehrke, Redaktion: Mona Knorr

Fotos: Luisa Wesch, Klaus Mayhack, Dirk Gehrke

Mehr über das Rundlingsmuseum Wendland und die Ausstellung Leinen und Kolonialismus kannst du in unserem Beitrag über das dritte Kooperationspartner:innentreffen lesen, bei dem wir auch Elke persönlich kennenlernen konnten.